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Mein lieber Bruder,
ich weiß, dass ich erst vor einer Woche an Dich geschrieben habe, um Dich um mehr Leinwand zu bitten. Es tut mir furchtbar leid, aber ich muss noch einmal an Deine Großzügigkeit appellieren. Nur noch einmal fünf Meter vom selben Stoff wären eine so große Hilfe. Ich muss mich außerdem für das schöne warme Jackett bedanken. Es hilft gegen die Kälte in meinem ansonsten sehr gemütlichen kleinen Zimmer.
Diese Woche kam auch ein Brief von Gauguin. Er hat mich sehr aufgebracht, und ich zögere, den Inhalt des Briefes überhaupt zu erwähnen, aber ich kann einfach nicht weiter vor meinem Bett hin und her laufen und meinem Kissen lange, gewundene, wütende Reden halten. Gauguin ist weit weg auf Tahiti, mein Gott. Vielleicht sehe ich ihm nie wieder ins Auge, und deswegen muss ich bei Dir, meinem treuen Bruder, Luft ablassen. Ich bitte Dich um Entschuldigung. Gauguin macht mir die schlimmsten Vorhaltungen über meine Arbeit, und außerdem behauptet er, dass ich Ideen von ihm gestohlen hätte. Du weißt so gut wie ich, dass ich seit mindestens zwei Jahren die Fisch-und-Kiste-Symbolik in meine Gemälde eingearbeitet habe. Es ist einfach absurd, dass Gauguin nun behauptet, dass er auf seinem kleinen Sandfleck im Ozean diese Geschichte entdeckt habe.
Sicher erinnerst Du Dich so gut wie ich, wie Mama uns sonntags nach dem Gottesdienst die Geschichte erzählt hat. Vater hat ihr Vorwürfe gemacht, dass sie unsere Köpfe mit heidnischem oder „griechischem“ Quatsch füllen würde. Mama antwortete immer, dass die Geschichten nicht griechisch wären, aber das war ihm egal. Und nun, nach so vielen Jahren, wenn ich mich endlich dazu bereit fühle, diese apokryphen Erzählungen in meinen Bildern zu benutzen, versucht Gauguin, sie mir zu nehmen. Ich bin mir sicher, wenn er sagt, dass ich mich nur weiter mit meinen „kleinen Blumenbildern“ beschäftigen sollte, bedeutet das, dass irgendwo in einer kleinen Ecke seines Kopfes eine Erinnerung von meinen Sonnenblumen mit Fisch und Kiste geblieben ist. Obwohl wir nie darüber gesprochen haben, weiß ich, dass er diese Bilder von mir gesehen hat, als wir zusammen im gelben Haus wohnten. Du erinnerst Dich, Theo, wie er war, als Du uns damals besucht hast, ich konnte gar nicht mit ihm über irgend etwas reden, weil er so empfindlich war. Nun ist er plötzlich derjenige, der diese großartige Entdeckung gemacht haben will.
Ach Theo, ich habe mich so um Gauguin so bemüht, aber er ist so ein schwieriger Mensch. Er hat nie mein Konzept von der Maler-Gemeinschaft begriffen. Er hat behauptet, dass er es gar nicht verstanden hat, warum ich mich selbst verletzte, und dann tat er so, als ob es gar nichts mit ihm zu tun hätte. Nun läuft er vor allem davon und will unsere gemeinsame Geschichte umschreiben. Es wäre eine Frechheit, wenn es nicht so traurig wäre...
Ich wollte nie mit Paul konkurrieren, ich wollte immer nur mit ihm malen.
Also, es gibt nicht mehr viel Zeit, und ich muss mir den schlimmen Brief aus dem Kopf schlagen, um wieder malen zu können. Wenn Du zusammen mit der Leinwand auch ein wenig Geld schicken könntest, wäre ich Dir für immer dankbar. Ich brauche dringend Whatman-Papier und weitere Pinsel. Eines Tages, Theo, werden Deine Geduld und Großzügigkeit sich auszahlen. Ich verspreche es, lieber Bruder.
Immer Dein
Vincent

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