x




Es war morgens, als ich den Meister in Meudon besuchte, und er saß noch am Frühstückstisch. Ich bemerkte sofort, dass er dickflüssiges Eigelb auf den Bademantel gekleckst hatte, aber er nahm es überhaupt nicht wahr. Seine halb gegessene Scheibe Toast in seiner erhobenen Hand hing in der Luft wie ein Vogel, der über seinem Teller schwebte. Seine Augen blieben auf Mitteldistanz fixiert, er war tief in Gedanken versunken. Ich räusperte mich ganz leise, entschuldigte mich kurz und fragte ihn, worüber er nachdachte.

„Ach, M. Gsell, Sie sind schon da. Bitte setzen Sie sich und greifen Sie zu. Irgendwann gegen Ende des Jahres kommt immer eine Zeit, in der ich nicht mehr gegen die Müdigkeit kämpfen kann. Ich muss einfach aufhören zu arbeiten und ein paar Tage absolut nichts machen. Heute erlaube ich es mir, krank zu sein.“

Ich erwähnte den Fleck auf seiner Brust und mahnte ihn nicht sehr ernst mit erhobenem Finger, dass egal wie wichtig die Person auch sei, man trotzdem auf die kleinen Dinge des Lebens achten müsse. M. Rodins Reaktion auf diese ironisch gemeinte kleine Lektion war heftig und unerwartet.

Er sah hinunter durch seinen wuscheligen Bart auf den gelben Fleck und sprang dann sofort auf. Während die Serviette auf den Boden fiel und der Toast noch fest zwischen Daumen und Zeigefinger klemmte, ließ er einen donnernden Schrei aus seiner fassähnlichen Brust: „Das ist es“! Die Lautstärke hätte die Fenster im Wintergarten rasseln lassen können. Im nächsten Augenblick fiel auch die Toastscheibe hin, und mit klappernden Hausschuhen und flatterndem Bademantel stürmte er Richtung Atelier. Hinter ihm her laufend wurde ich kurz darauf zum Zeugen der bedeutenden Ereignisse, die ich unabsichtlich in Gang gesetzt hatte. Die massiven, genialen Klauenfinger waren schon an der Arbeit. Eine mittelkleine Wachsfigur, die einen sitzenden jungen Mann darstellte, wurde auseinander gerissen, zerstückelt, neu zusammengesetzt und vor meinen Augen in eine völlig neue Gestalt umgewandelt. Schwer atmend, verschwitzt und grinsend wie ein überdimensionaler Bube am Weihnachtsabend trat der Meister endlich einen Schritt zurück, um seine Arbeit zu bewundern. Der junge Mann war verschwunden, und an seine Stelle war die grobe Form eines bemerkenswerten geflügelten Bärs getreten. Mit gebeugtem Kopf starrte das kontemplative Tier auf ein kleines Blatt.

„Sie kennen den Mythos, oder M. Gsell?“ „Ja, natürlich“, antwortete ich. „Dann verstehen Sie sicher auch, wie diese Figur alle von uns repräsentiert, die je Gedanken hatten, überlegten, geträumt haben, die wichtige Fragen stellten, oder, wie Sie so schön sagten, ‚die kleinen Dinge des Lebens’ wahrgenommen haben. Ich verneige mich vor Ihnen aufgrund Ihrer großen Inspiration in Dankbarkeit und Respekt. Sie haben der Kunst und der Humanität heute einen großen Dienst erwiesen.“

Paul Gsell